Zu arm, um zu gehen: Das leere Nest als existentielle Sackgasse

Foto: Aedrian Salazar

Die Kinder sind aus dem Haus, die Jahre zerronnen und doch ist da kein Aufatmen. Ganz im Gegenteil: Eine ohrenbetäubende Stille schleicht durch die verlassenen Zimmer. Sie legt sich über alles, ganz besonders über die Partnerschaft, die sich längst auseinandergelebt hat – ganz unbemerkt, weil das Brausen des Familienalltags die wachsende Distanz jahrzehntelang übertönte.

Jetzt, da der Lärm verschwunden ist, tritt das Entfremdete unbarmherzig zutage. Man blickt sich an und erkennt sich nicht mehr. Nun, da diese äußeren Strukturen wegbrechen und die Fremdbestimmung endet, bleibt keine gemeinsame Basis übrig. Man sitzt sich am Küchentisch gegenüber und begreift, dass man im Grunde verlernt hat, abseits dieser Dienstleistungs- und Elternrolle überhaupt als Paar zu existieren. Man teilt den Alltag, das Bett, den Kühlschrank, aber nicht mehr den Horizont. Man schweigt, weil die gemeinsame Sprache mit den Kindern ausgezogen ist.

Die Ökonomie der Gratisarbeit: Systemrelevant, aber brotlos

Doch wie diese Leere füllen? Wieder ins Berufsleben einsteigen? Mit über fünfzig? Wer sollte einen da noch einstellen? Insbesondere, da diese Jahre eine gewaltige Lücke in das schlagen, was der Arbeitsmarkt so unerbittlich einfordert: die lückenlose Berufserfahrung.

Gewiss, es bleibt das Ehrenamt – ein Feld, auf dem gesellschaftliches Engagement dankbar entgegengenommen und politisch gern gesehen wird. Hier ist die über etliche Jahre kultivierte Fürsorge und Organisationsgabe hochwillkommen, moralisch aufgewertet und sozial nützlich. Das Ehrenamt ist in Deutschland, schaut man auf die Daten des Statistischen Bundesamtes und des Bundesfamilienministeriums, die größte unbezahlte Subvention des Landes: Rund 29 Millionen Menschen schenken der Allgemeinheit jährlich Milliarden Arbeitsstunden. Das ist ein volkswirtschaftlicher Gegenwert von gut 40 Milliarden Euro.

Hinter dieser gewaltigen Summe steht zu einem erheblichen Teil die unbezahlte Arbeit von Menschen, für die das reguläre Erwerbsleben keine Verwendung mehr hat. Auf persönlicher Ebene scheint diese Ökonomie der Gratisarbeit zunächst sogar aufzugehen: Man schließt Lücken im gesellschaftlichen Gefüge, findet eine Aufgabe, vielleicht sogar Bestätigung. Doch so wertvoll dieser Dienst am Gemeinwesen auch sein mag: Eine eigene Wohnung, die Miete und die lang ersehnte ökonomische Autonomie lassen sich durch gesellschaftliche Anerkennung nicht finanzieren.

Strukturelle Kälte: Wenn Lebensleistung zur Lücke wird

Der Arbeitsmarkt begegnet jenen, die sich jahrzehntelang um die Familie gekümmert haben, mit struktureller Kälte. Ein Wiedereinstieg mit über fünfzig und ohne einen stromlinienförmigen Lebenslauf führt im herrschenden System fast ausnahmslos in die Prekarität von Mini- oder Aushilfsjobs. Diese aber bieten weder ökonomische Unabhängigkeit noch eine akzeptable Perspektive für ein erfülltes Leben – schließlich hat man irgendwann einmal einen Beruf erlernt oder studiert. Man hat Abschlüsse und Diplome erworben. Man hat etwas geleistet.

Genau hier liegt die tiefste Demütigung: Es geht nicht darum, dass man nichts kann. Schließlich hat man jahrzehntelang ein komplexes Familiengefüge gemanagt, was, je nach Familiengröße, eine enorme Organisationsleistung sein kann.

Es geht allein um den schleichenden Verlust der eigenen Identität und Würde. Man fühlt sich im Inneren lebendig und kompetent, wird im Außen aber kühl auf den Status einer Hilfskraft reduziert. Man hatte einmal Träume, man hatte Qualifikationen – doch während man Kinder gebar, sie zu künftigen Steuerzahlern erzog und dem Partner die eigene Karriere überhaupt erst ermöglichte, verbucht die Leistungsgesellschaft diese Jahre im Lebenslauf als Lücke.

Das Trostpflaster der Bürokratie: Abgesichert genug zum Bleiben

Nun ja – so ganz stimmt das nicht. Das System vergisst einen nicht völlig; die Bürokratie ist ja gründlich. Die Jahre der Kindererziehung werden formal angerechnet, und im Falle einer Trennung wird im Zuge des Versorgungsausgleichs mathematisch brav geteilt. Auf dem geduldigen Papier existiert diese Lebensleistung. Das Problem ist nur: Es reicht nicht. Es reicht hinten und vorne nicht.

Und genau darin liegt der eigentliche Zynismus dieser Struktur: Man bekommt ein Trostpflaster auf eine existenzielle Wunde geklebt.

Diese zugestandenen Rentenpunkte fungieren letztlich wie ein unsichtbares Band, das einen zurück an den altbekannten Küchentisch zwingt. Sie genügen gerade so, um in der schützenden Zweckgemeinschaft einer Ehe zu überleben. Aber sie reichen niemals aus, um eine eigene Existenz aufzubauen, eine eigene Wohnung zu finanzieren, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen. Mag der Wunsch danach noch so groß sein.

Die bürokratische Gerechtigkeit wird zur existenziellen Sackgasse: Man ist abgesichert genug, um zu bleiben – aber zu arm, um zu gehen.

Die unbarmherzige Mathematik der Trennung

Hier wird der Leser stutzen: Warum, so muss man sich fragen, reichte das Geld denn all die Jahre zuvor? Als Hausfrau und Mutter lebte man schließlich auch nicht im Luxus, und doch war der Kühlschrank voll und das Haus warm. Die Antwort liegt in der Mathematik der ökonomischen Symbiose. Eine Ehe ist quasi eine Effizienzmaschine: ein Dach, eine Heizung, ein gemeinsamer Haushalt. Das klassische Modell ist darauf kalkuliert, dass man bis zum Ende im selben Raum verharrt.

Doch in dem Moment, in dem mit der neuen Leere im Haus, mit der gegenseitigen Entfremdung auch der Trennungswunsch im Kopf Gestalt annimmt, zerspringt diese Symbiose. Das Begehren nach Autonomie ist der Augenblick, in dem aus einer wirtschaftlichen Einheit zwei werden müssen.

Und hier kollidiert die Sehnsucht nach Freiheit ungebremst mit der Logik des Marktes: Man kann eine Rente oder ein Vermögen zwar durch zwei teilen – die Fixkosten des Lebens aber lassen sich nicht halbieren. Eine neue Wohnung kostet im heutigen urbanen Raum nicht die Hälfte des gemeinsamen Hauses; sie kostet oft fast genauso viel. Strom, Heizung, Versicherungen – alles verdoppelt sich, während das Budget schrumpft.

Der Trennungswunsch wird somit zu einem wirtschaftlichen Paradoxon. Solange man unglücklich am Küchentisch sitzen bleibt, bleibt das System bezahlbar. Sobald man den Mut fasst, für sich selbst einzustehen und zu gehen, kollabiert das Konstrukt.

Matilde Hoffmanns Kampf: Der Roman zum gesellschaftlichen Dilemma

Auch Matilde Hoffmann, die Protagonistin in meinem Roman Vom Auftrennen der Stille, gerät nach dreißig Jahren Ehe und dem Auszug der Kinder in genau diese Falle. Ihr Versuch, sich mit Mitte fünfzig als Schneiderin eine eigene Existenz aufzubauen, wird zu einem bitteren Akt der Selbstverteidigung gegen eine Gesellschaft, die Care-Arbeit als Lücke verbucht – und in der die Sehnsucht nach Freiheit an den harten Gesetzen des Wohnungsmarktes und schließlich an einer unerwarteten Tragödie zu zerbrechen droht.

Ihnen gefällt dieser literarische Blick? Tauchen Sie tiefer ein: Hier finden Sie eine Leseprobe der ersten Kapitel meines Romandebüts Vom Auftrennen der Stille.

Mockup des Debütromans von Brida Schulz mit dem Titel "Vom Auflösen der Stille", ein 320-seitiges Werk der Upmarket Fiction.
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