Über den Roman:

Eine Flucht nach Zürich, der Traum von beruflicher Eigenständigkeit und die bittere Erkenntnis, rechtlich fast unsichtbar zu sein: Matilde Hoffmann wagt an ihrem dreißigsten Hochzeitstag den radikalen Ausbruch aus den erstarrten Mustern ihres Lebens. Als sie der Schauspielerin Gina begegnet, öffnet sich eine neue Welt. Doch die Trennlinie zwischen Gut und Böse verläuft nicht zwischen den Eheleuten – hinter der Entfremdung sichtbar wird die Tragik von Toms Welt, einem Mann, der im Korsett seiner eigenen Rollenbilder gefangen bleibt und auf seine Weise versucht hat, die Familie abzusichern. Ein feinsinniger und kraftvoller Roman über den Mut zum Neuanfang, die Bürde der Verantwortung und das späte Finden der eigenen Stimme.

Tauchen Sie ein in die ersten drei Kapitel und begleiten Sie Matilde Hoffmann auf den ersten Schritten ihres bewegenden Weges. (Lesezeit: ca. 15 Minuten)

Mockup des Debütromans von Brida Schulz mit dem Titel "Vom Auflösen der Stille", ein 320-seitiges Werk der Upmarket Fiction.

Kapitel 1

Dissonante Töne

Der Weg zwischen Küche und Flur war zu kurz, also lief sie ihn wieder und wieder. Bei jedem Geräusch horchte sie auf. Eine Autotür knallte zu, Brutus schlug an. Ihre Unruhe stieg mit jeder Stunde. Schließlich griff sie zur Karaffe. Vor drei Stunden hatte er den Merlot dekantiert. Doch je runder er wurde, desto bitterer war ihr zumute. »Prost, Mati!«, rief sie und trank.

Der erste Schluck schmeckte holzig. Der zweite nach dem Frust, den sie bislang in sich hineingefressen hatte. Aber damit war Schluss. Sie hatte es ihm heute Abend gesagt. Alles umsonst! Das Kleid hatte seinen Einsatz verpasst. »Die ganze Arbeit für nichts«, rief sie in die Stille hinein.

Da saß sie nun an ihrem Hochzeitstag, dem dreißigsten, und sie wusste: Es würde ihr letzter sein.

Der Duft von gegarter Lasagne erfüllte das Haus. Sie spähte durch das Ofenfenster; träge blubberten die Blasen unter der bernsteinfarbenen Kruste. Sie drehte den Temperaturregler zurück und öffnete die Tür einen Spalt. Dann füllte sie das Glas wieder auf. Die Schachbrettfliesen unter ihren nackten Füßen gerieten allmählich ins Rutschen. Je angestrengter sie auf den Boden starrte, desto mehr löste sich das Muster auf. Sie sank auf den Stuhl und verharrte mit gesenktem Kopf.

Dann fuhr sie zusammen. War da was? Sie musste eingenickt sein, denn draußen war es dunkel. Das Backofenlicht glomm, die Lüftung war verstummt. Es war still im Haus. Sie setzte sich aufrecht hin. Der Boden war wieder fester, die Linien wieder klar.

Sie stieß ein hämisches Lachen aus. Es ist genau wie im Film, dachte sie. Jemand kocht, der Streit beginnt, niemand isst und alles wird kalt.

Die Backform war ausgekühlt; sie deckte sie mit Folie ab, füllte den Salat in eine Schale und schob beides in den Kühlschrank neben das Tiramisu. Dann schloss sie die Tür, und mit dem Lämpchen erlosch auch die Hoffnung auf einen harmonischen Ausklang des Abends.

Der Streit, der vor Stunden hier getobt hatte, hing ihr nach. Sie hatten oft gestritten in den letzten Wochen. Das war neu. Es waren offene Gefechte. Doch nicht das Streiten schreckte sie ab; die lauten Töne waren ihr ein Trost. Sie durchbrachen endlich die tödliche Stille. Nein, es war diese Gleichgültigkeit, mit der sie einander dabei ansahen.

Es war schon alles gründlich schiefgegangen, als Tom von der Arbeit nach Hause gekommen war. Nur wenige Sätze hatten sie gewechselt, da wurde der Ton dissonant. Er war nach dem Duschen in die Küche gekommen, hatte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange gedrückt, den Wein dekantiert und sich dann an den Tisch gesetzt. Dort überflog er die Post und kratzte sich anschließend die letzten Klebstoffreste von den Fingern. Als es endlich nichts mehr zu kratzen gab, starrte er auf sein Handy.

»Hast du Ärger im Betrieb?«, fragte sie.

»Nee, alles okay«, sagte er.

»Wie kommt ihr mit dem neuen Großauftrag voran?«, wollte sie wissen.

»Sind auf Kurs«, antwortete er, ohne den Blick vom Display zu heben.

Ihre Fragen landeten auf dem Küchentisch wie Sägespäne, und er pustete sie einfach weg.

»Ich habe das Gefühl, ich rede gegen eine Wand«, sagte sie. Ihre Stimme war jetzt gefährlich laut.

Er reagierte nicht, scrollte weiter über das Display.

»Tom, leg das Handy weg!« Sie stemmte die Hände in die Hüften und baute sich vor ihm auf. »Sieh mich an!«

Er legte das Gerät langsam auf den Tisch, ohne den Blick zu heben. »Ich bin müde, Matilde, sehr müde. Ich habe den ganzen Tag geschuftet und Probleme im Betrieb gelöst. Ich will jetzt nicht auch noch hier diskutieren.«

»So, so«, sagte sie. »Du hast also Probleme gelöst? Wie schön für dich. Ich hingegen habe den Tag im Bett verbracht.« Sie trat nun noch dichter an ihn heran. »Sieh mich endlich an, Tom. Sag mir, was du siehst«, rief sie.

Er sah jetzt auf. Ihr Atem raste, doch sie rührte sich nicht. Sie bot ihm alles dar: die neue Frisur, das Kleid, das zurechtgemachte Gesicht. Er betrachtete sie und zeigte keine Regung.

»Du sitzt hier wie ein Geist, kratzt dir den dämlichen Leim von den Fingern und wartest auf das Essen, als wäre ich deine Köchin.« Sie stampfte wütend mit dem Fuß auf.

»Du hast einfach bestimmt, wie dieser Abend zu laufen hat, Mati. Und jetzt gibst du mir die Schuld, wenn ich da nicht mitspiele?« Er schob den Stuhl zurück. Müde stand er auf. »Ich kann das einfach nicht mehr. Ich habe einfach nichts mehr übrig.« Dann verließ er die Küche.

»Ich werde dich verlassen, wenn das so weitergeht«, warf sie ihm nach, als er schon im Flur war.

Gefasst drehte er sich zu ihr um. »Dann ist das halt so«, sagte er. Kein Funkeln war mehr in seinem Blick. Ein Fremder stand da. Er griff nach dem Schlüsselbund und schlug die Haustür zu.

Erstarrt blickte sie ihm nach. Sie eilte hinaus auf den Flur, lief hin und her, doch er kam nicht zurück. Nein, dieser Abend brachte nicht die ersehnte Wende. Er war vielmehr die zynische Bilanz einer längst verflogenen Hoffnung. An der Garderobe hing noch seine Arbeitsjacke. Warum hatte er sie nicht angezogen? Sie nahm sie vom Haken, fasste in die Taschen. Nichts. Der Duft von Holz und Spänen stieg auf. Diesen Duft hatte sie immer geliebt. Er gab ihr Halt und Heimat. Nun aber fühlte sie nichts. Es war vorbei. Alles, was von ihrem Jubiläum blieb, war das Adrenalin im Blut und die Karaffe auf dem Tisch.

Später, tief in der Nacht, kam er zurück. Sie lag im Bett. Er tappte im Dunkeln durch das Zimmer. Sie hörte ihn. Sie tat, als ob sie schliefe, und wandte ihm den Rücken zu.

Er roch nach Bier.

Sie hatte gehofft, er hätte den Abend in der Werkstatt verbracht und sich den Zorn von der Seele gesägt, so wie er es früher immer getan hatte. Doch er würde nie bei der Arbeit trinken. Das wusste sie genau. In seinem Betrieb herrschte ein strenges Alkoholverbot. Er hatte es seinen Mitarbeitern immer wieder eingehämmert: »Wer bei der Arbeit trinkt, der fliegt!«

Wo mochte er also gewesen sein? Bei Rolf? In der Beiz? Hatte er sich gut amüsiert, während sie ihren Schmerz im Merlot ertränkte? Sie hörte seinen regelmäßigen Atem und wischte sich mit dem Bettbezug die Tränen vom Gesicht.

Sie konnte nicht einschlafen, stand auf und setzte sich an den Küchentisch. Manche Nächte waren eben nicht zum Schlafen da, sondern um der Wahrheit in die Augen zu sehen. Sie zog die Strickjacke enger, brühte sich eine Tasse Tee auf und stellte den Honig auf den Tisch. Der goldgelbe Faden rann zäh vom Löffel, genau wie die letzten Jahre hier. War das der Preis für ihre Standhaftigkeit?

Damals war sie überzeugt gewesen, das Richtige zu tun. Damals, vor acht Jahren, als sie David sagte, dass sie bei Tom bleiben würde. Doch konnte man das denn wirklich wissen? Was hätte mit ihm besser werden können? Man gab eine Ehe nicht einfach auf, bloß weil man sich veränderte. Aber war es nicht ihr eigenes Leben? Und hatte sie nicht auch ein Recht auf David gehabt? Er trieb sich wieder in ihrem Kopf herum. David, das genaue Gegenteil von Tom. Sie sah ihn wieder vor sich, wie er über seinen Konzepten brütete. Der Champagnerkelch neben dem Laptop. »Auf die Möglichkeiten, meine Süße«, hatte er gesagt. Es hatte aus seinem Mund nach Freiheit geschmeckt. Eine Freiheit, vor der sie damals erschrocken war. Sie hasste es, wie er jetzt, nach all den Jahren, Besitz von ihr ergriff, und schüttelte den Gedanken von sich.

Kapitel 2

Stiller Aufbruch

Am frühen Morgen nach dem Streit heulte der Sprinter auf. Tom fuhr zur Arbeit. Matilde erhob sich bleiern. Sie tappte schlaftrunken nach unten und setzte Kaffee auf, legte dann Papier und Stift zurecht.

Zwei Stunden später atmete sie auf. Alles, was auf ihrer Seele lastete, stand nun auf dem Papier. Der Umschlag lag bereit. Sie schenkte sich den dritten Kaffee ein und umschloss die Tasse mit beiden Händen. Die Restwärme des Porzellans tat gut. Sie trat ans Küchenfenster und blickte hinaus in den Garten. Seit Tagen machte die Sonne dem Winter das Feld streitig. Ihre Strahlen bohrten sich durch die glitzernde Schneedecke und legten sumpfige Grasinseln frei.

Ein Schwarm Spatzen belagerte das Vogelhaus. Emsig pickten sie Körner auf. Ihr Schilpen drang durch das geschlossene Fenster herein. In der Berberitze nistete ein Amselpaar. Rastlos flog das Weibchen Nistmaterial heran: Zweiglein, Halme, Moos im Schnabel. Es verschwand im Gehölz, kam wieder hervor, der Schnabel war leer und alles begann von vorn.

Matilde sah auf die rastlose Geschäftigkeit. Die Natur kannte nur Zweck und Fortpflanzung. In diesem unerbittlichen Rhythmus aus Bauen und Brüten gab es keine Bitternis. Die Amsel webte stur an ihrem Nest. Ihr gesamtes Tun war auf das Licht ausgerichtet, das nun kommen würde.

Einen Augenblick herrschte vollkommene Eintracht zwischen dem Drinnen und dem Draußen. Es hätte für Matilde so bleiben können. Eingefroren in diesem schwebenden Zustand von Klarheit, bevor die nächste Entscheidung den Tag aus den Angeln hob.

Die Harmonie wurde jäh gesprengt. Ein bellendes Crescendo schwappte herüber: Brutus kündigte sich an. Kläffend pflügte sich der Spitz durch den sulzigen Schnee zum Zaun. Die Vögel stoben auseinander. Sekunden später eilte die Nachbarin herbei, um Brutus wieder einzufangen.

Matilde öffnete das Fenster. »Guten Morgen, Margarete«, rief sie hinaus. Der Spitz hielt inne, lauschte und stimmte die nächste Salve an. »Margarete, ich fahre gleich ein paar Tage weg. Könntest du in der Zeit die Vögel füttern?«

Margarete beugte sich vor, legte die Hände wie Trichter an die Ohren: »Hallo, Mati! Du fährst weg?«, krächzte sie durch die Kakophonie.

»Ja, ein paar Tage. Würdest du das für mich tun? Das Futter steht im Gartenhaus.«

»Aber natürlich«, rief die alte Frau erfreut. »Wo fährst du hin?«

Matilde zögerte. »Zu meiner Schwester, sie braucht Hilfe«, antwortete sie dann und die Lüge klebte auf der Zunge.

»Zu Susanne? Ach, wie schön! Ist sie denn noch immer im Tessin?«

»Ja!« Matilde nickte, und Margarete schien mit der Antwort zufrieden.

»Dann grüß sie von mir.«

»Mach ich, Margarete.«

»Viel Spaß, Mati! Und sei unbesorgt. Ich kümmere mich«, rief Margarete und deutete lachend zur Futterstelle.

»Danke«, rief Matilde zurück. »Und wenn was ist, ruf mich auf dem Handy an, okay?« Sie winkte und schloss das Fenster.

Einen Moment blieb sie hinter dem Vorhang stehen und sah zu, wie Margarete zurück zum Haus trottete und der Spitz hinterher. Sie warf einen Blick auf ihre Buchungs-App. Wie wenig es brauchte, um den Schein zu wahren.  

Susanne führte noch immer die Pension im Bleniotal und obwohl Matilde nicht verstand, was ihre Schwester in dieser einsamen Gegend hielt, kam es ihr nun ganz gelegen. Die Lage war abgeschieden, die Zufahrt im Winter tückisch. Matilde fragte sich schon länger, wovon Susanne eigentlich lebte. Die Handvoll Gäste, die den weiten Weg über die Serpentinen auf sich nahmen, deckten kaum die laufenden Kosten.

Noch einmal kläffte der Spitz, dann verschwanden die beiden im Haus. Sie mochte die Nachbarin gern. Mit bewundernswerter Regelmäßigkeit verlegte die alte Frau ihre Brille und bat dann Matilde um Hilfe beim Suchen. Nach dem Tod ihres Mannes hatte Margarete sich völlig zurückgezogen und Matilde begann, sich um die alte Frau zu sorgen. Als das Trauerjahr endlich zu Ende ging, holten sie Brutus aus dem Tierheim. Seine sanften Augen weckten in Margarete Lebensgeister, die sie längst verloren glaubte. Die beiden wurden ein unzertrennliches Paar. Niemand, am allerwenigsten Matilde, hatte die Wucht geahnt, mit der dieser Winzling die Stille zerlegte.

Sie trat zurück an den Küchentisch und nahm das Blatt in die Hände. Noch einmal las sie Wort für Wort, als suche sie den Punkt, an dem all ihre Zweifel zerfielen. Sie wollte endlich die Wahrheit aussprechen, die sich über die Jahre wie Sediment in ihr abgelagert hatte. Sie wusste, es würde schmerzen. Und doch: Die Sehnsucht nach dem Leben trieb sie hinaus.

Lieber Tom,

Heute verlasse ich dich. Doch wir haben uns schon vor Jahren voneinander entfernt. Die Vertrautheit ist an der Stille zerbrochen. Die bittere Wahrheit ist, ich fühle mich von dir nicht mehr gesehen.

Es werden immer mehr von diesen Tagen, an denen du mir fremd erscheinst. Dann suche ich in deinen Zügen nach dem Mann, der mir einst vertraut war. Doch er bleibt hinter dem Schweigen verborgen.

Für mich ist die Zeit gekommen, einen neuen Weg zu gehen!

Ich melde mich in den nächsten Tagen, damit wir alles Weitere besprechen können.

Pass gut auf dich auf.

Deine Mati

P.S.: Essen für zwei Tage steht im Kühlschrank. Denk an deinen Arzttermin am nächsten Mittwoch.

Sie faltete den Brief, schob ihn in den Umschlag und schrieb seinen Namen darauf. Dann legte sie ihn auf den Küchentisch, an Toms Platz. Ein Schmerz der Erleichterung durchströmte sie. Nun würde nichts mehr sein, wie es war.

Sie stieg die Treppe hinauf ins Schlafzimmer, nahm den Rollkoffer aus dem Schrank und öffnete ihn. Drei Pullover, die Jogginghose, die gute Jeans, ein Sommerkleid, Unterwäsche und Socken. Mehr brauchte sie vorerst nicht. Sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken, sie wollte so schnell wie möglich weg.

Mit dem Koffer in der Hand eilte sie die Treppe hinunter, schlüpfte in den Mantel und sah in den Spiegel. Die schlaflose Nacht hatte Spuren hinterlassen. Die Schläfen pochten, die Haut war trocken, die Augen verquollen. Sie setzte die Sonnenbrille auf, griff nach ihrem Gepäck und verließ das Haus ohne einen Blick zurück.

Das Gartentor klickte hinter ihr ins Schloss. Die Luft war noch frisch. Ihr Atem stieß in dampfenden Stößen hervor. Sie hätte die Tragweite ihrer Entscheidung verdrängen können, wäre da nicht dieses dumpfe Gefühl von Verrat in ihrer Brust gewesen.

Die Straße war nass von der Schneeschmelze. Das Sonnenlicht spiegelte sich grell auf dem Pflaster. Sie ließ den Blick über die Lichtflecken gleiten und machte sich auf den Weg.

An der Bushaltestelle stand ein junger Mann im olivgrünen Parka. Er hatte den Kragen hochgeschlagen und den Beanie tief über die Ohren gezogen. Seine Daumen flogen in hypnotischem Rhythmus über das Handy-Display. Matilde tastete nach dem Portemonnaie und fischte Münzen heraus. Suchend sah sie sich um. »Tschuldigung, gibt’s hier keinen Ticketautomaten mehr?«

»Einen Ticketautomaten?« Der junge Mann sah sie überrascht an. »Nein, den haben sie schon vor Wochen entfernt.«

Jetzt fiel es ihr wieder ein. Sie hatte den Zeitungsartikel gelesen. Der Verkehrsverbund bot Bus-Tickets nur noch digital an. Schöne neue Welt. Optimierung hieß das Zauberwort. Matilde sah die Münzen in ihrer Hand an und dachte an Margarete. Wie sollte die alte Frau jemals wieder in die Stadt kommen, wenn sie sich zuerst mühsam durch eine App klicken musste, um überhaupt mitfahren zu dürfen.

Der Bus war pünktlich und nahezu leer. Sie ließ sich am Fenster nieder. Gemächlich rollten sie über die Landstraße. Matilde lehnte sich zurück und blickte auf die matschigen Schneeränder. Wie verwaschene Trauerlaken lagen sie am Straßenrand. Sie drückte die Tränen weg.

Seit dreißig Jahren lebte sie in diesem Dorf. Sie hatte hier die Kinder großgezogen. Dieses Leben nun im Rückspiegel schwinden zu sehen, tat weh. Hätte sie noch bleiben sollen? Hätte sie ihm die Chance geben sollen, sich von ihr zu verabschieden? Er sollte sie nicht aufhalten. Doch sie hatte größere Angst davor, dass er es gar nicht erst versuchen würde.

An der Fassade gab es nichts zu bemängeln. Tom war der verlässliche Ehemann und fürsorgliche Vater. Die Kinder waren gut geraten. Chris war Doktorand in St. Gallen. Nina hatte den Meisterbrief als Goldschmiedin und nun auch ihr eigenes Atelier. Tom hatte bezahlt. Matilde hatte alles zusammengehalten. Keine Schlüsselkinder. Diese Vereinbarung war ihnen heilig gewesen.

Jahre später zogen die Kinder aus. Die Leere fraß sich fest. Tom verausgabte sich in der Firma. Sie selbst fand im Dorf beruflich keinen Einstieg mehr. Sie suchte nach einem eigenen Weg und entdeckte den roten Fiat. Er war nicht neu, aber gut in Schuss. Als sie ihm den Kleinwagen zeigte, wehrte er ab. »Einen Zweitwagen, um in der Stadt zu arbeiten? Was willst du denn noch alles von mir?«

Sie wollte neben ihm stehen. Nicht hinter ihm. Das hatte sie ihm damals gesagt.

»Geht es dir nicht gut genug?«, hatte er darauf gefragt. »Reicht dir dein Garten nicht mehr?«

Der Garten war für die Kinder. Das wusste er genau. Dennoch gab sie nach. Ihr Plan war vom Tisch. Sie blieb in der Rolle stecken, die er ihr zugedacht hatte.

Vor dreißig Jahren hatten sie ihre beste Zeit. Sie verbrachten die Sommer im Garten des alten Hauses. Sie hatten es erst gemietet. Dank des Erbes von Toms Großvater und des Segens der Bank hatten sie den alten Kasten dann kaufen können. Seine Schreinerei florierte von Anfang an. Es war die Zeit, in der ihnen alles zu gelingen schien.

Jede freie Minute steckte Tom in ihr Heim. »My home is my castle«, scherzte er und war stolz darauf, schalten und gestalten zu können, wie er mochte. Seine stille Präsenz gab ihr damals Sicherheit. Er sagte wenig, aber er war da. Er renovierte das Haus. Er ging darin auf. Später jedoch wurde sein Schweigen zur Last. Ihre Worte prallten daran ab und verloren sich im Nichts. Wenn sie sprach, sah er an ihr vorbei. Sie fühlte sich bedeutungslos wie nie zuvor.

Anfangs kämpfte sie. Wurde energischer. Als das nichts änderte, resignierte sie. Schließlich wurde er ihr gleichgültig. Sie erwartete nichts mehr von ihm. Sie hatten sich im Alltag verloren.

Matilde legte die Stirn an die kühle Scheibe und schloss die Augen. Einen Moment dachte sie daran, an der nächsten Haltestelle auszusteigen. Ohnehin hatte sie noch immer kein Ticket. Es war ihr egal. Wenn das System ihre Münzen nicht wollte, nahm sie sich ihren Platz einfach so. Der Bus fuhr weiter und mit jedem Kilometer verflüchtigte sich das Gestern mehr. Das Morgen rückte tappend näher.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner