Ein Werkstattbericht: Vom Loslassen und Weiterziehen

Die Schnecke im Kriechgang: Vom endlosen Feilen am Text

Es gibt Autorinnen und Autoren, die sind flink und bringen jedes Jahr mindestens einen, oft aber auch mehrere Romane heraus. Ich dagegen bin eine Schnecke im Kriechgang. Ich drehe und wälze und ändere und überarbeite und brauchte über 18 Monate, bis mein erstes Manuskript endlich so weit war, dass ich es ins Korrektorat geben mochte.

Und ich gebe es zu, ich könnte immer noch ändern, umschreiben, ergänzen … Es ist ein nie endender Prozess. Irgendwann muss man den Mut aufbringen, den Stift wegzulegen bzw. die Tastatur beiseitezuschieben und zu sagen: Es ist gut so. Es darf jetzt entlassen werden – hinaus in die Welt, und schauen wir mal, wie weit es kommt.

Das Dilemma des Perfektionismus

Doch das Loslassen fällt mir schwer, zumal ich eine Perfektionistin bin und meine, es geht immer noch besser. Aber wo führt das hin, wenn nicht in die Verzweiflung? Jemand hat einmal gesagt, an dem Punkt, wo man ein Wort streicht, nur um es kurz darauf wieder hinzuzufügen, da sollte man aufhören zu lektorieren. Ich denke, es war Oscar Wilde, der einmal scherzte, er habe den ganzen Vormittag damit verbracht, ein Komma zu streichen und den Nachmittag damit, es wieder einzusetzen. Nun ja, man kann seine Zeit auch sinnloser verplempern.

Matilde und Gina: Von Emanzipation und Theaterdonner

Aber das Loslassen fällt mir auch aus einem weiteren Grund schwer. Was soll ich sagen? Die Figuren sind mir ans Herz gewachsen. Ich kämpfe mit Matilde Hoffmann um ihre Freiheit. Dass sie versucht, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen, dass sie gegen die Ungerechtigkeit des Care-Systems ankämpft und dabei fast lautlos die Lasten für andere mitträgt, hat mich beim Schreiben oft tief bewegt. Sie schneidert sich im wahrsten Sinne des Wortes ihr eigenes Leben zurecht, während die Welt um sie herum ganz andere Pläne mit ihr hat.

Ich amüsiere mich über die burleske Diva Gina Rosina Bernardi, die Matilde als exzentrische Provokateurin und Katalysatorin für ihre berufliche Emanzipation dient. Hinter ihrer theatralischen Fassade zeigt sich eine verletzliche, alternde Künstlerin, die nur noch schwer mit dem modernen Theater zurechtkommt und der Matilde fortan als loyale Verbündete auf Augenhöhe begegnet.

Tom und Rolf: Ein Schicksalsschlag und stille Loyalität

Und ja, ich gebe es zu, Tom Hoffmann tut mir leid, sehr sogar. Er ist der schweigende „Macher“, der an seinem eigenen Schutzinstinkt scheitert und letztlich einen gesundheitlichen Tiefschlag erleidet. Es muss fürchterlich sein, in dieser Zwischenwelt zu stecken, nicht zu wissen, wie es weitergeht, wenn das vertraute Skript des eigenen Lebens plötzlich endet.

Ich habe ihm Rolf Berger zur Seite gestellt, den langjährigen Freund, der das verlässliche, bodenständige Gegengewicht zu Toms zerstörerischem Stolz bildet und ohne den Hoffmanns Weg letztlich in der Dunkelheit geendet hätte. Rolf ist derjenige, der das Schweigen aushält, der bleibt, wenn alle anderen gehen, und der Tom die Hand hinhält, wenn dieser seine nicht mehr ausstrecken kann.

Ein ganzes Universum am Schreibtisch

Und da sind alle weiteren Figuren: die Kinder Nina und Chris, Seraina und Kira aus der Frauen-WG, der bünzlige Banker Herr Meyer und nicht zuletzt Margarethe, Matildes alte Nachbarin. Und, nicht zu vergessen: der schlechterzogene Spitz Brutus. Sie alle haben ihre Auftritte gehabt, sie haben das Manuskript mit Leben gefüllt.

Über Monate hinweg waren sie meine Begleiter, haben mit mir am Schreibtisch gesessen, haben gestritten, geliebt, geschwiegen und gehandelt, bis aus einer vagen Idee dieses dichte Beziehungsgeflecht wurde. Ich habe nachts an sie gedacht, bin morgens mit ihnen wach geworden – und wie viele Stunden ich mit Matilde an der virtuellen Nähmaschine gesessen habe, kann ich gar nicht mehr sagen.

Von der Commedia dell’Arte zur Stroke Unit: Die Recherche

Ohnehin hat sich diese lange Reise nicht nur in der Stille von Matildes Nähzimmer abgespielt. Die Recherche für all die unterschiedlichen Lebenswelten hat mich viel Zeit gekostet. Um dieses Beziehungsgeflecht glaubwürdig zu weben, musste ich mich in völlig verschiedene Kosmen hineindenken: zum Beispiel in das historische Fundament der Commedia dell’Arte ebenso wie in den handfesten Alltag einer kleinen Küchenbaufirma oder in die klinische Realität und Pflege auf einer Stroke Unit.

Ich habe dabei selbst sehr viel gelernt und das ist der Vorteil beim Schreiben. Man weiß zwar nie, was am Ende rauskommt und wie das Publikum darüber denkt, doch man selbst geht immer reicher aus diesem Prozess hervor, als man hineingegangen ist. Jedes neue Thema erweitert den eigenen Horizont, und diese intensive intellektuelle und emotionale Auseinandersetzung kann einem niemand mehr nehmen.

Abschiedsschmerz und neue Pläne

Und nun ziehen sie alle bald aus. Das Manuskript ist bei der Korrektorin und in wenigen Wochen wandert es zur Setzerin und in die Druckerei.

Um mir die Wartezeit bis zum Launch zu verkürzen und um den Abschiedsschmerz von meinen Figuren etwas zu lindern, brüte ich bereits an der Idee für den nächsten Roman. Doch davon mehr im nächsten Beitrag.

Bildnachweis:  gettyimages für Unsplash.com

Ihnen gefällt dieser literarische Blick? Tauchen Sie tiefer ein: Hier finden Sie eine Leseprobe der ersten Kapitel meines Romandebüts Vom Auftrennen der Stille.

Mockup des Debütromans von Brida Schulz mit dem Titel "Vom Auflösen der Stille", ein 320-seitiges Werk der Upmarket Fiction.

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