Güllen im Zeitalter der Klicks: Dürrenmatts Mediendiagnose und die Kunst der inszenierten Unschuld
I. Das Beil für die Kamera
Stellen wir uns eine Szene vor, wie sie sich heute täglich auf TikTok, Instagram oder in einer Reality-TV-Produktion abspielen könnte: Ein Mann steht in seinem Krämerladen. Ein Kamerateam drängt sich zwischen die Regale. Der Reporter führt Regie:
„Sie nehmen das Beil, wiegen es in der Hand, machen ein nachdenkliches Gesicht … und Sie, Herr Ill, neigen sich über den Ladentisch – natürlicher, meine Herren, ungezwungener.“ Ein paar Blitze zucken. „Schön, sehr schön. Und nun bitte, strahlen vor Glück – Großartig gestrahlt.“
Was wie eine Parodie auf die moderne Content-Industrie klingt, stammt von 1956: Es ist eine Schlüsselstelle in Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie „Der Besuch der alten Dame“.
Was Dürrenmatt darin zeigt, ist keine bloße Berichterstattung. Es ist die performative Herstellung von Realität. Die Medien beobachten das Geschehen in der verarmten Kleinstadt Güllen nicht einfach neutral – sie stellen es erst her. Sie fordern Posen ein, choreografieren Affekte und biegen die Wirklichkeit so lange zurecht, bis sie ins vorgefertigte Format passt.
Als wenig später bekannt wird, dass die Milliardärin Claire Zachanassian frisch geheiratet hat, bricht die Presse das Gespräch mit Ill schlagartig ab. Ein Reporter ruft begeistert: „Das gibt ein Titelbild für Life!“ Im Augenblick der neuen Sensation wird Ills menschliche Existenz schlagartig entwertet und der reinen Logik der Aufmerksamkeitsökonomie unterworfen: Er interessiert nicht mehr, ist für die Medien kein Schicksal mehr, sondern zu unverkäuflichem Content mutiert.
Diese Schieflage offenbart die zynische Mechanik unserer Gegenwart. Was in den Medien Relevanz erlangt – und was im Schatten verschwindet –, folgt längst keiner humanitären Ordnung mehr, sondern der Effekthascherei des Spektakels:
Der Wal-Hype als Kollektiv-Bespielung: Tagelang berichten Nachrichtensender im Minutentakt live über das Drama um einen gestrandeten Wal („Timmy“), während Rechtsvertreter, Promi-Investoren und Selbstinszenierer um das beste Bild konkurrieren. Minister und Lokalpolitiker eilen herbei, um im Scheinwerferlicht der Kameras Betroffenheit zu zeigen und sich als mitfühlende Retter zu inszenieren.
Die Selektivität des Mitgefühls: Die mediale Hysterisierung liefert der Politik die perfekte bühnenreife Kulisse für wohlfeile Profilierung ohne jedes Risiko. Das Schicksal eines einzelnen Meeressäugers wird zur emotionalen Passionsgeschichte der Nation aufgeblasen – während dieselbe Gesellschaft täglich millionenfaches, unglamouröses Leiden von Nutztieren in Zuchtbetrieben, Mastanlagen und Schlachthöfen achselzuckend als Industriestandard quittiert.
Dürrenmatt hat dieses Prinzip der verzerrenden Linse vorweggenommen: Die Medien fokussieren nicht das, was moralisch schwer wiegt, sondern das, was sich am besten inszenieren und emotional verwerten lässt. Passt ein Motiv nicht mehr ins Konzept, taucht eine neuere Sensation auf oder fordert das Publikum nach frischer Zerstreuung, kühlt die Anteilnahme im Sekundentakt ab.
II. Die Grammatik der Entlastung: Was ist „Framing“ wirklich?
Wir sprechen heute oft und leichtfertig von „Framing“. Meist meinen wir damit die gezielte Auswahl von Wörtern durch Politik oder PR, um Ansichten zu manipulieren. Doch bei Dürrenmatt – und in unserer heutigen Mediengesellschaft – geht Framing tiefer. Es ist keine bloße Kosmetik, sondern ein diskursives System der moralischen Be- und Entlastung.
In Güllen steht ein ungeheuerliches Angebot im Raum: Eine Milliarde Franken für die Stadt, wenn jemand Alfred Ill tötet. Ein klassischer Auftragsmord aus Habgier. Wie schafft es eine Gemeinschaft von aufrechten, bürgerlichen Menschen, dieses Verbrechen zu begehen, ohne sich selbst als Mörder zu sehen?
Sie schaffen es durch Sprache – genauer gesagt: durch die sprachliche Umetikettierung der Medien und Politik.
Wenn der Pressemann am Ende den leblosen Körper Ills betrachtet und dessen Todesursache spontan zum „Tod aus Freude“ erklärt, vollzieht sich ein rhetorisches Kunststück. Das Paradoxon entlastet das Gewissen des Kollektivs im Handumdrehen:
Aus einem gezielten Mord wird ein Schicksalsschlag.
Aus kollektiver Gier wird „sittliche Größe“.
Aus roher Gewalt wird eine gemeinschaftsdienliche Notwendigkeit.
Die Presse bietet den Tätern in Güllen eine Sprachformel an, mit der sie ihr Handeln vor sich selbst und der Welt rechtfertigen können. Aus diskursanalytischer Sicht erzeugt die Sprache hier eine neue soziale Wirklichkeit: Wenn alle protokollieren, dass der Mann „vor Freude gestorben“ sei, existiert der Mord im öffentlichen Raum schlichtweg nicht mehr.
III. Die Doppelmechanik: Moralische Belastung als Motor der Entlastung
Doch ist dieses diskursive System wirklich nur entlastend? Bei genauerer Betrachtung offenbart sich eine zweite, düstere Ebene: Die spätere moralische Entlastung funktioniert überhaupt erst, weil zuvor ein immenser Druck der moralischen Belastung aufgebaut wurde. Entlastung und Belastung bedingen und verstärken sich gegenseitig.
MORALISCHE BELASTUNG
Schuldverschiebung: Ill wird von den Bürgern zur alleinigen Ursache des städtischen Elends erklärt.
Kollektive Einbindung: Der Vorab-Konsum auf Kredit erzeugt einen schleichenden Handlungs- und Rechtfertigungsdruck auf alle Bürger.
Funktion: Sie baut den moralischen Kesseldruck auf, der die spätere Tat erzwingt.
MORALISCHE ENTLASTUNG
Sprachliche Umetikettierung: Der gezielte Mord wird rhetorisch zum „Tod aus Freude“ umgedeutet.
Gewissensreinigung: Aus Habgier und Kollektivmord wird „sittliche Größe“ und „Volkszorn“.
Funktion: Sie liefert die finale Sprachformel, um das Verbrechen im öffentlichen Raum unsichtbar zu machen.
Diese Belastungsmechanik vollzieht sich auf zwei Ebenen:
Die Lastauslagerung auf das Opfer: Bevor Ill getötet werden kann, muss die moralische Last auf ihn abgewälzt werden. Die Güllener Bürger könnten sich den Mord nicht verzeihen, solange Ill als unschuldig gilt. Der Diskurs lädt ihn deshalb nachträglich mit einer überlebensgroßen Bringschuld auf: Nicht die Gier der Stadt ist das Problem, sondern Ills Jugendsünde. Er muss büßen, damit die Stadt gereinigt wird.
Der moralische Erpressungsdruck auf die Gemeinschaft: Indem die Bürger auf Kredit konsumieren (gelbe Schuhe, feinerer Wein), entsteht eine schleichende Kollektivschuld vor der Tat. Wer sich jetzt noch gegen den Mord stellt, belastet die Gemeinschaft finanziell und moralisch. Das System erdrückt das Gewissen des Einzelnen – wie etwa das des Lehrers –, bis der Widerstand bricht.
Erst weil diese moralische Belastung für den Einzelnen unerträglich wird, greift die rettende Entlastungsformel der Medien. Der „Tod aus Freude“ ist das rhetorische Ventil, das den zuvor künstlich aufgebauten moralischen Kesseldruck wieder ablässt.
IV. Vom „Man sagt“ zur „öffentlichen Wahrheit“
Wie wird eine Behauptung oder eine vage Ahnung zur gesellschaftlichen Tatsache? Dürrenmatt beschreibt einen Mechanismus, den wir in Zeiten von medialen Hypes, Gerüchten und Politik-PR täglich beobachten können.
Es beginnt im Informellen: in der Gerüchteküche. Die Güllener Bürger fangen plötzlich an, auf Kredit einzukaufen. Sie investieren zwar nicht in Rüstung, nein, sie kaufen gelbe Schuhe, trinken besseren Wein, schaffen sich neue Möbel an. Niemand spricht es laut aus, aber alle wissen: Das Geld muss irgendwo herkommen. Die Schulden machen den Mord bereits zur kalkulierten Voraussetzung. Eine Ahnenkette von Erwartungen baut sich lautlos auf.
An diesem Punkt greift die mediale Maschinerie ein. Sie nimmt dieses vage „Man sagt“ auf, schirmt unbequeme Gegenstimmen rigoros ab („Dichthalten!“) und übersetzt die stille Gier in eine offiziell beglaubigte Formel:
Nicht wegen der Milliarde ────► Aus Volkszorn
Obrigkeit und Presse fungieren hier als Kollektivierungsmaschine. Sie führen Regie über das Narrativ und drängen den Einzelnen in die Pflicht. Selbst der Lehrer – zu Beginn noch die moralische Instanz des Ortes, der verzweifelt versucht, Ill zu schützen – knickt vor der öffentlichen Dynamik ein. Im Rampenlicht der Kameras spricht er nicht mehr von der konkreten Bedrohung, sondern flüchtet sich in die abstrakte Kollektivformel: „Wir duldeten die Ungerechtigkeit.“
Aus der individuellen Gewissensentscheidung wird so ein mediengerecht aufbereitetes Ritual der Selbstrechtfertigung.
V. Der „Unmarked Space“: Die Macht des Verschweigens
Richard David Precht und Harald Welzer bringen das Problem in ihrem Bestseller „Die vierte Gewalt“ auf den Punkt:
„Realität ist immer das, was beobachtet wird: gesehen, gehört, gelesen, berechnet oder gemessen.“
Was aber geschieht mit all dem, was die Kameras nicht erfassen? George Spencer-Brown prägte dafür den Begriff des „unmarked space“ – den blinden Fleck des Aufmerksamkeitsfokus.
Wenn Journalisten vor Ort im Präsens berichten („Wir befinden uns … und nun beginnt“), erzeugen sie eine enorme Unmittelbarkeit. Die Zuschauer und Hörer haben das Gefühl, hautnah dabei zu sein. Doch genau in dieser Schein-Transparenz liegt die Täuschung. Indem das Licht der Scheinwerfer auf das inszenierte Spektakel im Theatersaal gerichtet wird, verschwinden die echten Motive – Habgier, Angst, Korruption – im tiefen Schatten des unmarkierten Raums.
Das gipfelt in jener grotesken Szene, als die Bürger im Theatersaal über das Schicksal Ills abstimmen. Sie stimmen ab, das Licht fällt aus, und der Kameramann ruft trocken:
„Die Beleuchtung streikte. Bitte die Schlussabstimmung noch einmal.“
Nicht die Einhaltung von Moral oder die echte Debatte zählt, sondern einzig die Aufzeichnung spektakulärer Bilder. Die Abstimmung wird wiederholt, damit das Bild stimmt. Die Medienform degradiert den Inhalt zum Statisten.
VI. Fazit: Dürrenmatts Warnung an unser Medienzeitalter
Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame ist keine verstaubte Nachkriegsliteratur. Es ist eine messerscharfe Anatomie unserer heutigen Mediokratie.
Das Stück erinnert uns daran, wie anfällig wir für sprachliche Entlastungsfiguren sind. Wir leben in einer Welt, in der folgenschwere Entscheidungen hinter Begriffen wie „Sondervermögen“, „Restrukturierung“, „Kollateralschaden“ oder „sozialer Befriedung“ versteckt werden.
Die Presse in Güllen zeigt uns, wie leicht eine Gemeinschaft ihre Werte über Bord werfen kann, wenn die Medien ihr das passende Euphemismus-Mäntelchen dafür nähen. Sobald ein Verbrechen als „Tod aus Freude“ protokollfest gemacht ist, fragt man nicht mehr gern nach den Tätern.
Wenn wir heute durch unsere Feeds scrollen und gestellte Posen, glattgeschliffene PR-Narrative und geframte Schlagzeilen sehen, sollten wir uns an den Krämerladen in Güllen erinnern – und uns fragen: Wer wiegt hier gerade das Beil für die Kamera, und wer hat uns befohlen, vor Glück zu strahlen?
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